„Berlin – wo man alles finden kann, außer Langeweile und Stagnation“
Ich komme aus der Ukraine und bin 58 Jahre alt. Unsere Familie zog 1992 nach Deutschland, gleich nach dem Zerfall der Sowjetunion. Das Kontingentflüchtlingsgesetz ermöglichte uns die Einreise und die spätere Einbürgerung.
Mein damaliger Ehemann war Wissenschaftler von Beruf, im Bereich Biologie. Er hoffte auf bessere Chancen für den professionellen Aufstieg in Deutschland. Sein Universitätsdiplom wurde hier sofort anerkannt.
Er war zielbewusst und flexibel. Anfangs arbeitete er unentgeltlich, dann bekam er eine feste Anstellung als Wissenschaftler. Derzeitig ist er sehr erfolgreich in seinem Beruf und hat sogar einen Beamtenstatus inne.
Vor der Auswanderung war ich Dozentin an der Nationalen Medizinischen Universität (Lehrstuhl Latein) in Charkiw, ferner schrieb ich Gedichte und Lieder.

Mein Universitätsdiplom als Slawistin und Pädagogin wurde in Deutschland zunächst nicht anerkannt. Ich arbeitete anfangs als Altenpflegerin, um mich in die Arbeitswelt zu integrieren.
Für den pädagogischen Beruf musste ich mich qualifizieren. Zunächst absolvierte ich einen Weiterbildungskurs im Sozialmanagement in Berlin, dann einen berufsbegleitenden Fortbildungskurs an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, in dem ich die berufliche Qualifikation "Coach / Lerncoach" erwarb.
Parallel zur Qualifizierung betreute ich in einem Integrationsprojekt in Berlin Jugendliche mit Migrationshintergrund beim Übergang von Schule zu Beruf und war freiberufliche Familienhelferin im Auftrag des Jugendamtes Berlin-Mitte.
Aufgrund der Zusatzqualifikationen und beruflichen Erfahrungen wurde mein akademischer Grad als Pädagogin beim Berliner Senat anerkannt. Danach arbeitete ich als Sozialpädagogin und Coach für Jugendliche in verschiedenen Bildungs- und Freizeiteinrichtungen in Berlin und Brandenburg.
Zur Zeit setze ich mich als Mentorin für Flüchtlinge ein. Zuvor habe ich mir in einem weiteren Berliner Qualifizierungskurs gewisse Kenntnisse über die Flüchtlingsproblematik angeeignet.
Mein Sohn, der bei unserer Ankunft in Deutschland erst 5 Monate alt war, ist hier voll integriert. Er absolvierte mit Note „Eins“ ein Gymnasium in Berlin. Danach studierte er Medizin an der Berliner Charité. Bald wird er als Arzt tätig sein.
Einer meiner ersten Sinneseindrücke in Deutschland war ein ungewöhnlich milder Winter, fast ohne Schnee.
Ich fand sofort die typisch deutschen Eigenschaften toll, wie Zuverlässigkeit und Gründlichkeit. Lediglich an die ein wenig übermäßige Genauigkeit und Pünktlichkeit der Deutschen musste ich mich anpassen.
Negativ an Deutschland finde ich, dass einige Mitbürger mit Migrationshintergrund in öffentlichen Plätzen und Einrichtungen manchmal etwas zu laut sind. Die Einwanderer sollten Traditionen, Sitten und Gebräuche des Landes, das sie mit offenem Herzen aufnimmt, berücksichtigen und respektieren.
In Deutschland fühle ich mich wohl. Ich schreibe immer noch Gedichte, nun auch auf Deutsch. Eins davon, „Mai“, wurde 2016 in der Bibliothek deutschsprachiger Gedichte vom Deutschen Realis Verlag veröffentlicht.
Mein neues Gedicht „Berlin“ spiegelt meine Begeisterung für diese Weltmetropole wieder, die eine schwungvolle Stimmung und sehr viel Dynamik aufweist und wo man alles finden kann, außer Langeweile und Stagnation.
„Berlin – wo man alles finden kann, außer Langeweile und Stagnation“